Le secret de Vinon

Seit den frühen 80iger Jahren fahren einige Mitglieder der Akaflieg Bielefeld jedes Jahr im März nach Vinon in Süd-Frankreich. Die anderen Vereinsmitglieder fragen oft, was machen die da eigentlich - und was ist das für ein geheimnisvoller Ort? Weshalb fahren 5 – 7 zumeist ältere Herren über 1200 km mit einem Segelflugzeug im Anhänger dorthin und etwas über eine Woche später dieselbe Strecke wieder zurück? Zumal die Regel lautet: Pro Reiseteilnehmer ein Cockpit. Die Fahrt ist also lang und anstrengend.

Es ist die Faszination des alpinen Segelflugs und das unbeschreibliche Panorama der schneebedeckten Alpen, dass beim Blick aus dem Cockpit zu sehen ist. Außerdem ist das Wetter dort schon oft sehr frühlingshaft, während in Oerlinghausen häufig zu dieser Zeit noch Schnee und Regen vorherrschen. 

Vinon sur Verdon, so der vollständige Name des Ortes, liegt im Durance Tal ca. 20 km nördlich von Aix au Provence und ca. 8 km südlich der Stadt Manosque mit ihrer historischen Altstadt, die immer einen Besuch wert ist. 
An der Brücke von Manosque kann man bei Wellenwetterlagen recht zuverlässig in die Welle einsteigen.
Es gibt am Ortsrand von Vinon einen großen Flugplatz für Segelflugzeuge und Motorflugzeuge. Die Segelflugzeuge werden ausschließlich per F-Schlepp in die Luft gebracht. Es sind immer ca. 30 Segelflugzeuge vor allem aus Deutschland und Frankreich, aber auch den Niederlanden oder sogar der Ukraine dort. Der Platz liegt 270 m über NN und ist umgeben von zahlreichen Bergzügen der französischen Seealpen. Das macht Vinon so interessant für die Segelflieger. Erfahrene Streckenflieger können über Puimoissont in die Berge fliegen und dort an den Massiven, deren Namen vielen von der Tour de France bekannt sind, bis in die Hochalpen fliegen. Wer sich nicht ganz dorthin traut, kann auch entlang der Flüsse Durance und Asse in der Nähe des Flugplatzes das Alpenpanorama aus der Ferne genießen und bei oft kräftiger Thermik schöne Flüge absolvieren.

Außerdem gibt es zuweilen Wellen-Wetterlagen, die Höhen von über 5000 m erlauben - sofern der Luftraum dafür freigegeben wird. Für viele Vinon-Reisende ist der Wellenflug die Krönung ihrer fliegerischen Karriere. Das Gefühl in der Welle bei scheinbar ruhender Luft im Aufwärtsbereich des Rotors im Geradeausflug mit bis zu mehreren Metern pro Sekunde weit über die Wolken zu steigen, ist mit Worten kaum zu beschreiben. 

Früher wurde direkt auf dem Campingplatz des Flugplatzes gezeltet. In späteren Jahren wurden dann Zimmer in einer Pension im kleinen und sehr alten Kurort „Greoux les Bains“ gemietet, ca. 12 km von Vinon entfernt. Inzwischen wohnt die Gruppe immer in einer Appartementanlage am Stadtrand von Greoux. Jeder Teilnehmer hat dort ein eigenes kleines Appartement mit Schlafzimmer, Wohn-Essbereich und Bad für sich. Nach französischem Standard ist alles sehr gut, wir Deutschen haben aber manchmal etwas höhere Ansprüche…

Der Tagesablauf während des Aufenthalts ist immer sehr ähnlich. 
Ein Mitglied der Gruppe besorgt morgens beim Bäcker Baguettes und Croissants. Gefrühstückt wird gemeinsam in einem der Appartements um 9.00 Uhr. Um 10.00 Uhr ist Abfahrt zum Flugplatz.
Um 10.30 Uhr findet das Briefing in englischer Sprache statt. Je nach diensthabendem Fluglehrer ist es mehr oder weniger gut verständlich. Die entscheidenden Fragen lauten immer gleich: Wann beginnt die Thermik und wie hoch geht sie, von wo kommt der Wind und besteht die Chance auf Wellenflug? Es folgen noch Informationen zu Sperrgebieten oder besonderen Aktivitäten, die im relevanten Luftraum stattfinden. 

Dann heißt es, die Flugzeuge vorzubereiten und auf den Beginn der Thermik zu warten.

Wenn es losgeht, stehen die Flugzeuge in langen Zweierreihen vor den beiden Startbahnen und warten auf den F-Schlepp.

Geschleppt wird entweder mit einer sehr alten Morane, einer Dynamic, oder wenn der Pilot ganz viel Glück hat, einer Robin DR400.

Die F-Schlepps gehen direkt in Richtung der Berge, wo in ca. 800 bis 1000 m über NN ausgeklinkt wird. Meistens geht es dann gleich mit recht ordentlichen Steigwerten los. Die Basishöhen liegen häufig über 2000 m NN.
Da sich im Gebirge das Wetter schnell ändern kann, sollte jeder Pilot bei Streckenflügen stets auch den geplanten Rückweg im Auge behalten. Plötzlich können sich tiefhängende Wolken oder gar Gewitter bilden. Dann ist der Weg zurück versperrt. Es bleibt in diesem Falle nur die Landung auf einem Ausweichflugplatz, oder im ungünstigsten Fall eine Außenlandung. Die kann aber auch bei gutem Wetter erforderlich sein. Manchmal stehen die Bärte recht weit auseinander und die Strecken mit 3-5 m Sinken sind ziemlich lang. Auch die hohen Bergzüge können einen direkten Anflug auf Vinon verhindern, so dass Umwege durch Täler in Kauf genommen werden müssen. Es ist ein spannendes Erlebnis, bei derartigen Wetterbedingungen unterwegs zu sein.

Da Außenlandungen selbstverständlich auch in Vinon „gebierenpflichtig“ sind, ist abends nach dem Abstellen und sicherem Vertäuen der Flugzeuge am Landefeldrand oft für eine Runde Freibier gesorgt. 

Gegen 19.30 Uhr geht es wieder nach Greoux les Bains. 
Gegen 20.30 Uhr gehen alle gemeinsam in eines der örtlichen Restaurants. Die französische Küche mit ihren legendären Menüs lässt keine Wünsche offen.

Dieser Tagesablauf wiederholt sich während des gesamten Aufenthalts. Dennoch hat sich wohl noch nie ein Reiseteilnehmer über Langeweile beklagt. 

Bei schlechtem Wetter, das in seltenen Fällen auch vorkommt, werden Ausflüge in die Umgebung, vorzugsweise zu den zahlreichen Weingütern gemacht. 

Bereits während des Aufenthalts wird der Termin für das kommende Jahr ausgehandelt. Wenn es dann wieder nach Deutschland zurückgeht, freuen sich alle Reiseteilnehmer bereits auf das kommende Jahr. In Vinon warten dann hoffentlich schon wieder die seit vielen Jahren bekannten Fliegerkollegen. 
Es bleibt natürlich die Frage nach den Kosten. Für die 10 Tage in Vinon muss mit fixen Kosten von gut 2000 Euro (Unterkunft ca. 450 Euro, Flugplatzgebühren ca. 600 Euro, Essengehen ca.450 Euro und Mautgebühren sowie Kraftstoffkosten ca. 450 Euro etc.) zzgl. Fluggebühren und Kosten für den guten französischen Wein gerechnet werden... 
Die Bilder stammen von Alexander, Ernst-Dieter, Frank, Karl-Heinz, Markus, Michael und Moritz.